Was ist das Chandra-Chart?

Neben dem Rashi- und dem Navamsha-Chart ist auch das Chandra-Chart von großer Bedeutung für die eingehendere Untersuchung eines Kundali (Horoskopes). Das Chandra-Chart erhält man, indem man das Tierkreiszeichen, in dem Chandra, der Mond, sich befindet, als Aszendenten nimmt. Die folgenden Bilder zeigen links das Chandra- und rechts das Rashi-Chart von Hermann Hesse.

Chandra- und Rashi-Chart Hermann Hesse

Maharishi Parashara betont in seiner Brihat Parashara Hora Shastra an mehreren Stellen und anhand von zahlreichen Beispielen, dass dieselben Schlussfolgerungen, die man aus der Untersuchung des Rashi-Charts zieht, auch aus der Untersuchung des Chandra-Charts gezogen werden können. Dies bedeutet, dass die Aussagen über das 1. Haus - Gesundheit, persönliche Aktivität, Charakter usw. - die man aus der Untersuchung des 1. Hauses im Chandra-Chart ableitet, genauso relevant sind wie die Aussagen, die man darüber aus der Untersuchung des 1. Hauses im Rashi-Chart ableitet. Aussagen über das 2. Haus - Besitz, Sprache, Zusammensein mit Angehörigen usw. - die man aus der Untersuchung des 2. Hauses im Chandra-Chart ableitet, sind genauso relevant wie die Aussagen, die man darüber aus der Untersuchung des 2. Hauses im Rashi-Chart ableitet usw.

Chandra-Chart und Rashi-Chart - Geist und Körper

Allerdings sind Chandra-Chart und Rashi-Chart nicht dasselbe. Das Chandra-Chart zeigt das Leben aus der Sicht des Geistes (Manas, Jiva), das Rashi-Chart aus der Sicht des Körpers (Deha, Tanu).

Eine der ersten Erkenntnisse, die in der Bhagavad-Gita vermittelt werden, ist die Unterscheidung zwischen dem Körper und dem Im-Körper-Wohnenden. So heißt es im 2. Kapitel:

"Es heißt, dass der Körper vergänglich ist, aber der in ihm Wohnende ewig, unzerstörbar, unermesslich. Darum kämpfe, o Bharata!" - BG 2.18

"So, wie ein Mensch alte, abgetragene Kleider ablegt und andere, neue anzieht, so lässt auch der Bewohner des Körpers den abgenutzten Körper zurück und geht in einen anderen, neuen ein." - BG 2.22

Schon im Mutterleib gehen Geist und Körper eine enge Verbindung ein, die sich erst im Moment des Todes wieder löst. Alles, was im Geist vor sich geht - alle Gedanken und Gefühle - ruft entsprechende Prozesse im Körper hervor und alles, was im Körper vor sich geht, ruft entsprechende Gedanken und Gefühle im Geist hervor. Das Chandra-Chart zeigt die Prozesse im Geist auf, die sich sogleich im Körper widerspiegeln, das Rashi-Chart zeigt die Vorgänge in der physischen Welt, die sich sogleich im Geist widerspiegeln. So ergänzen sich Chandra-Chart und Rashi-Chart. Zusammen ermöglicht ihre Analyse ein umfassendes Verständnis davon, was im Leben vor sich geht.

Aus einem anderen Blickwinkel zeigt das Chandra-Chart, wie die geistige Haltung, wie die Erwartungen, Gedanken und Emotionen die Geschehnisse im Leben beeinflussen, während das Rashi-Chart die Bedingungen, Prozesse und Zustände in der physischen Welt aufzeigt.

Ein Kind hat sein Wahrnehmungs-Zentrum noch vorwiegend in der inneren Welt, die vom Chandra-Chart angezeigt wird. Die physische Welt, die das Rashi-Chart anzeigt, wird gleichsam nur aus der Ferne wahrgenommen. Erst in der Pubertät werden innere Welt und äußere Welt auf der Ebene bewusster Wahrnehmung voll miteinander konfrontiert. Dies kann zu einer erheblichen Krise führen, wenn die im Chandra-Chart angezeigten Erwartungen auf das, was im Leben passiert, im Rashi-Chart nicht oder nur unter Schwierigkeiten erfüllt werden.

Wenn zum Beispiel der Mond, der im Chandra-Chart als Chandra-Lagna den Menschen selbst verkörpert, im Rashi Chart in einem der Problemhäuser 6., 8. oder 12 steht, dann wird man zur Zeit der Pubertät damit konfrontiert, dass die persönlichen Erwartungen in der physischen Welt auf Schwierigkeiten stoßen werden. Im obigen Chart von Hermann Hesse ist dies nicht der Fall, weil der Mond im Rashi im förderlichen 5. Haus steht. Die geistigen Bestrebungen werden über Kreativität auf freudevolle Weise verwirklicht, zumal der Mond im Rashi-Chart Herr des förderlichen 9. Hauses ist.

In Hesses Chart ist Budha erst einmal frustriert. Budha steht in beiden Charts stark im eigenen Zeichen Zwillinge, an den Zeichen-Stellungen ändert sich ja in beiden Charts nichts. Aber im Chandra-Chart steht Budha im förderlichen 4. Haus und steht für das innere Bedürfnis, sich über Kommunikation und Sprache auszudrücken. Im Rashi-Chart steht Budha jedoch im problematischen 8. Haus, was die Entfaltung von Sprache und Kommunikation unter erschwerte Bedingungen stellt. Hesses frühe Aussage, er würde "Schriftsteller oder garnichts" werden, drückt dies gut aus. Das "Garnichts" kommt durch das 8. Haus ins Spiel.

Ein weiterer Konflikt tritt in Hesses Horoskop aus den Unterschieden zwischen Chandra-Lagna und Rashi-Lagna in Erscheinung. Im Chandra-Chart, in der Welt der inneren Erwartungen, wie das Leben sich gestalten wird, steht der Aszendentenherr Guru stark im eigenen Zeichen Schütze im 10. Haus, was großen, mühelosen Erfolg im Leben anzeigt. Chandra im Chandra-Lagna ist Herr des förderlichen 5. Hauses und verspricht Erfolg über Intuition und Kreativität. Im Rashi-Chart hingegen steht der Aszendentenherr Mangal als Fremdkörper, Rebell und Störenfried im Zeichen des Feindes im 4. Haus (Elternhaus), das von seinen Feinden Shani und Rahu beherrscht wird. Von mühelosem Erfolg kann da keine Rede sein.

Besonders gefördert werden die Angelegenheiten der Häuser, in denen ein vom Tierkreiszeichen her stark gestellter Planet im Chandra-Chart und im Rashi-Chart vollen Einfluss nimmt. Dies trifft in Hermann Hesses Chart z. B. für Guru in Bezug auf das 10. Haus zu. Im Chandra-Chart verspricht Guru Ruhm und großen Erfolg in der Welt, da er hier im 10. Haus stark im eigenen Zeichen steht. Im Rashi-Chart aspektiert der starke Guru vom 2. Haus, dem Haus der Sprache, aus das 10. Haus voll. Dadurch wird ein direkter Weg aufgezeigt, wie innere Erwartung (Chandra-Chart) und physische Verwirklichung (Rashi-Chart) in Einklang zu bringen sind.

Ähnliches, aber nicht ganz so unproblematisch, gilt für das 10. Haus in Bezug auf Surya und Budha. Der strahlende Budha und der leidende Surya stehen im Chandra-Chart im 4. Haus und aspektieren das 10. Haus voll, wobei Budha zudem Karaka des 10. Hauses ist. Im Rashi-Chart stehen der strahlende und etwas frustrierte Budha und der noch mehr leidende Surya im schwierigen 8. Haus; hier ist Budha wiederum der Karaka des 10. und Surya nun Herr des 10. Hauses. Der Ruhm (10. Haus) über Sprache und Kommunikation (Budha und Zwillinge) wird somit im Chandra- und im Rashi-Chart angezeigt - noch verstärkt durch den vollen Aspekt, den sie von einem starken Guru erhalten, der ebenfalls im 10. Haus in beiden Charts präsent ist.

Dies sollte erst einmal als Hinweis darauf genügen, wie das Zusammendenken von Chandra-Chart und Rashi-Chart die Interpretation eines Horoskops bereichern kann.