DIE ASCHTAVAKRA GITA

 

Online-Version 2004

Eine der berühmten Gitas der

vedischen Hochkultur Indiens

Aus dem Sanskrit

ins Deutsche übersetzt von

Heinrich Zimmer

1929

 

In moderneres Deutsch übertragen und überarbeitet

von Michael Stibane 2004

Einleitung

Einleitung

Meine Seite hier ist auch unter der Adresse ashtavakragita.de zu erreichen. Höchste Zeit daher, diesen klassischen vedischen Text hier auch vorzustellen.

Eine Anekdote aus dem Mahabharata zu Ashtavakras Leben findet sich hier auf meiner Seite.

Für diejenigen Leser, die sich beim Lesen der Ashtavakra Gita von diesem Text angezogen fühlen und spüren, dass hier etwas sehr bedeutsames gesagt wird, aber Schwierigkeiten haben, die Bedeutung der Verse intellektuell klar zu verstehen, möchte ich in dieser kurzen Einleitung einen Schlüssel liefern, der das Verständnis erleichtern soll. Dieser Schlüssel lässt sich ganz einfach in einem einzigen Wort ausdrücken: Selbsterkenntnis.

Das, was Ashtavakra sagen lässt, was er sagt, ist vollendete Selbsterkenntnis und das, was es schwierig machen kann, ihn zu verstehen, ist Mangel an Verständnis davon, was Selbsterkenntnis ist.

Selbsterkenntnis heißt: das Bewusstsein kennt sich selbst und Mangel an Selbsterkenntnis heißt: das Bewusstsein kennt sich selbst nicht.

Was bedeutet es genau, dass das Bewusstsein sich selbst kennt und was, dass es sich selbst nicht kennt? Eine einfache Analyse des Vorgangs der Wahrnehmung soll dies klären:

In der Wahrnehmung richtet sich das Bewusstsein über die Sinne der Wahrnehmung auf ein Objekt, um es zu erkennen. Dann entsteht ein Abbild des Objekts im Bewusstsein. Dies bedeutet, dass das Bewusstsein die Form des Objektes annimmt. Dadurch ist nun das Objekt genauer gesagt ein Abbild des Objekts im Bewusstsein und dann sagt man, dass das Objekt vom Bewusstsein wahrgenommen wird.

Selbsterkenntnis wiederum bedeutet, dass das Bewusstsein nicht ein von ihm selbst verschiedenes Objekt wahrnimmt, sondern ausschließlich sich selbst. Wird ein Objekt wahrgenommen, so nimmt das Bewusstsein die Form des Objekts an. Wenn das Bewusstsein die Form eines Objektes annimmt, kann es nicht zugleich sich selbst wahrnehmen. Wenn das Bewusstsein unablässig Objekte wahrnimmt, nimmt es unablässig nicht sich selbst wahr, sondern unablässig nur sich selbst in Wechselwirkung mit Objekten.

Ein Beispiel: ein Mensch erblickt eine Blume. Über den Sehsinn und das Gehirn gelangt ein Abbild der Blume in das Bewusstsein des Menschen, das Bewusstsein nimmt die Form einer Blume an und nun nimmt das Bewusstsein die Blume wahr. Solange das Bewusstsein die Form der Blume annimmt, nimmt es nicht sich selbst wahr, sondern die Blume.

Selbst wenn die Augen geschlossen werden und der Sehsinn dem Gehirn nicht mehr das Bild der Blume übermittelt, kann das Bewusstsein über das Gehirn weiterhin das Abbild der Blume aufrecht erhalten, so dass es die Vorstellung der Blume aufrechterhält. Auch dann nimmt das Bewusstsein weiterhin nicht sich selbst wahr, sondern sich selbst, wie es die Vorstellung der Blume aufrecht erhält.

Fazit: solange das Bewusstsein auf Objekte gerichtet ist, nimmt es nicht sich selbst als Bewusstsein wahr, sondern sich selbst in der Form des Objekts, dass vom Bewusstsein angenommen wird. Dabei ist es prinzipiell egal, ob das Abbild des Objekts im Bewusstsein immer wieder über den Kontakt der Sinne mit einem äußeren Objekt erneuert wird, oder ob das Objekt im Bewusstsein als Vorstellung aufrecht erhalten wird. Anders gesagt: Auch Vorstellungen, Gedanken und Gefühle sind Objekte im Bewusstsein.

Wenn nun das Bewusstsein, während es ein Objekt wahrnimmt, sich selbst erkennen will, so wird die Selbsterkenntnis misslingen. Das Bewusstsein wird nicht sich selbst erkennen, wie es in sich selbst ist, sondern nur sich selbst, wie es die Form von Objekten wahrnimmt. Das Bewusstsein wird dann nicht wissen, was es selbst ist, sondern nur, was es selbst ist, wenn es in sich die Form von Objekten angenommen hat. Was das Bewusstsein selbst ist, würde es nur klar erkennen, wenn es in einem Moment kein Objekt wahrnehmen würde, sondern ausschließlich sich selbst.

Die meisten Menschen kennen nur drei Zustände des Bewusstseins: den Wachzustand, den Traumzustand und den Zustand traumlosen Tiefschlafs.

Im Wachzustand ist das Bewusstsein über die Sinne auf Objekte gerichtet oder nimmt bewusst Vorstellungsobjekte, Gedanken und Gefühle wahr. Die Objekte verändern sich in stetem Strom, aber unablässig nimmt das Bewusstsein die Form von Objekten an. Es kennt sich selbst nicht.

Im Traumzustand ist das Bewusstsein bei reduzierter Wachheit auf Vorstellungs-Objekte gerichtet und nimmt sie wahr. Das Bewusstsein nimmt die Form dieser Vorstellungsbilder an und kennt sich nicht selbst.

Im Zustand des traumlosen Tiefschlafs nimmt das Bewusstsein keine Objekte wahr! Es könnte also sich selbst wahrnehmen wenn es wach wäre. Da dies aber nicht der Fall ist, erkennt das Bewusstsein auch in diesem Zustand nicht sich selbst.

Die Schlussfolgerung ist, dass alle Menschen, die ihr Leben lang nur in steter Aufeinanderfolge die Bewusstseinszustände des Wachens, Träumens und Schlafens erleben, nicht wissen, was ihr eigenes Bewusstsein ist. Wenn man sie fragt: "Wer bist du?" werden sie ihr Bewusstsein beschreiben, wie es die Form von wechselnden Objekten annimmt. Sie beschreiben das, was ihr Bewusstsein in Wechselwirkung mit Objekten ist, aber nicht, was ihr Bewusstsein selbst ist.

Die Formen, die ihr Bewusstsein sehr häufig und immer wieder annimmt und die daher einigermaßen konstant zu sein scheinen, werden dann als Teil dessen beschrieben, was das Bewusstsein ist, wer "ich bin": Der Körper, gewisse wiederkehrende Arten und Weisen wie das Bewusstsein auf bestimmte Objekte reagiert oder wie Gedanken und Gefühls-Objekte sich im Bewusstsein organisieren. Aber alle diese Beschreibungen stellen niemals dar, was das eigene Bewusstsein ist, sondern immer nur, was das Bewusstsein ist, wenn es die Form von Objekten annimmt.

Man könnte nun fragen, ob die Beschreibungen von dem, was das Bewusstsein ist, wenn es sich mit Objekten verbindet und die Beschreibungen von dem, was das Bewusstsein für sich allein ist, denn überhaupt so unterschiedlich voneinander sind, dass es viel ausmacht. Die Antwort ist ein riesengroßes JA. Bewusstsein für sich allein erweist sich als etwas völlig anderes als Bewusstsein in Verbindung mit wahrgenommenen Objekten. Es ist ein Unterschied von Tag und Nacht. Die gesamte Ashtavakra Gita besingt voller Freude die Herrlichkeit der Entdeckung, als was das Bewusstsein sich erweist, wenn es sich als das erkennt, was es selbst ist.

Wenn das Bewusstsein sich als sich selbst erkennt, stellt sich heraus, dass es völlig unbegrenzt und ewig ist und dass es die Form von Begrenzungen in Raum und Zeit nur vorübergehend angenommen hatte, weil es sich über die Sinne und über einen der in Raum und Zeit begrenzten physischen Körper in seiner Wahrnehmung mit bestimmten Objekten verbunden hatte. Es stellt sich heraus, dass das Bewusstsein selbst unendliche Fülle von Seligkeit und Freude ist und dass es wechselnde Zustände von Graden von Freude und Leid nur angenommen hatte durch seine Verbindung mit den Objekten. Es stellt sich heraus, dass Bewusstsein zu allen Zeiten vollkommen frei ist und nur Zwängen unterworfen zu sein schien, weil es sich mit Objekten verband. Dann wird klar, dass das Bewusstsein nichts gewinnt, sondern alles verliert, wenn es seine eigene wahre Natur vergisst, indem es auf der Suche nach freudevollen Erfahrungen in der Wahrnehmung die Form der Objekte annimmt.

Wenn das Bewusstsein erst einmal darin gegründet ist, sich selbst in vollkommener Klarheit zu erkennen, kann es die Gewohnheit annehmen, sich selbst auch dann als das wahrzunehmen, was es wirklich ist, wenn ein Teil von ihm in der Wahrnehmung die Form von Objekten annimmt.

Auf der höchsten Stufe der Entwicklung von Selbsterkenntnis nimmt das Bewusstsein dann in voller Klarheit wahr, dass auch der Teil von ihm selbst, der die Form von Objekten annimmt und sogar die Objekte selbst nichts anderes als ein Teil des Bewusstseins selbst sind, so wie die Wellen des Ozeans Teil des Ozeans sind. Dann gibt es nichts mehr außerhalb des Bewusstseins, sondern alles ist im Bewusstsein und das Bewusstsein ist alles.

Die Selbsterkenntnis beginnt damit, dass das Bewusstsein sich selbst erkennt, als das, was es wirklich ist, wenn es sich nicht mit Objekten verbindet. Vermittels der Methoden von Yoga oder Meditation oder wie auch immer dieser geistige Prozess in verschiedenen Teilen der Welt genannt wird, wird dieser Zustand des Bewusstseins verwirklicht, in dem es aufgehört hat, die Form von Objekten anzunehmen und sich selbst in vollkommen klarer Wachheit wahrnimmt. In der Ashtavakra Gita wird dieser Zustand des Bewusstseins als "Samadhi" (Sammlung) oder auch kurz als "jener Vierte" bezeichnet.

Aber Ashtavakra macht unzweideutig klar, dass dies nur der Anfang der Erkenntnis ist. Im höchsten Zustand der Erkenntnis nimmt der Erleuchtete wahr, dass sein eigenes Bewusstsein in jedem Moment alles umfasst, auch sämtliche Objekte der Wahrnehmung im geistigen und materiellen Universum zu allen Zeiten. Die Objekte der Wahrnehmung sind nur verdichtetes Bewusstsein und der Stoff, aus dem sie bestehen, ist Bewusstsein und sie existieren im Bewusstsein: hier, wo diese Wachheit ist, die wahrnimmt, hier, wo ich bin, ist alles. Nichts ist außerhalb des Bewusstseins. Alles ist DAS. Dies ist die Sicht von Ashtavakra. Dies ist Einheit, Brahman.

Diese einfache Analyse des Prozesses der Wahrnehmung, die natürlich nicht von mir stammt, sondern hier nur wiedergegeben wurde, liefert den Schlüssel zum Verständnis von allem, was in der Ashtavakra Gita gesagt wird.

Frankfurt am Main im Oktober 2004 , Michael Stibane

 

DIE ASCHTAVAKRA GITA

 

Online-Version 2004

Janaka sprach:

Wie erlangt man Erkenntnis? wie entsteht Befreiung?

und wie wird Begierdelosigkeit erreicht?

- das sage mir, o Herr! 1.1

Ashtavakra sprach:

Verlangst du nach Befreiung, Kind, so fliehe die Sinnenwelt

wie Gift. Geduld und Aufrichtigkeit, Mitgefühl, Heiterkeit,

Wahrhaftigkeit nimm an wie Milch der Kuh, die frisch

gekalbt hat. 1.2

Nicht Erde, nicht Wasser, nicht Feuer, nicht Wind, noch

auch der Himmelsraum bist du, Freund! Wisse: dein Wesen

besteht aus Bewusstsein und schaut diesem Allem als

unbeteiligter Zeuge zu - dann wirst du Befreiung erlangen. 1.3

Wenn du den Körper beiseite lässt und findest ruhevoll im

reinen Bewusstsein (Chiti) deinen Stand, so wirst du beseligt

sein, friedevoll, von aller Bindung befreit. 1.4

Keinem Berufsstand gehörst du an - nicht Brahmanen noch

anderen - und keiner Lebensordnung. In keines Auges Sichtkreis

trittst du ein, ohne Berührung bist du, ohne Form, - allem

zuschauend sei beseligt! 1.5

Recht und Unrecht, Freude und Leid - was den Geist (Manas)

bewegt, ist nicht in dir, o Herr! Du handelst nicht, es geschieht dir nichts

- frei bist du in Ewigkeit. 1.6

Einsam Zuschauender allen Weltgeschehens bist du, wesenhaft frei

in Ewigkeit. Denn das Ich ist deine Fessel: im Schauenden meinst du

einen anderen zu sehen. 1.7

"Ich handle" - diese Wahnvorstellung vergiftet dich wie der Biss

einer großen schwarzen Schlange. "Ich bin es nicht, der handelt" -

trinke den Unsterblichkeitstrank dieser Überzeugung

und sei beseligt. 1.8

"All-Einsamer, zur reinen Erkenntnis Erwachender bin ich -"

- mit dem Feuer dieser Entscheidung verbrenne du den

Urwald der Unwissenheit - und sei kummerlos beseligt. 1.9

Du, der du trugvoll umgewandelt scheinst zum Weltall, wie ein Strick

eine Schlange zu sein scheint - höchstes Glück aller Glückseligkeit,

Erwacher zur Wahrheit bist du - wandle glückselig dahin! 1.10

Gebunden ist, wer sich gebunden sieht, wer sich befreit

sieht, ist befreit. Was sagen sie, wenn das so ist:

"Wie die Neigung, so des Schicksals Richtung"? 1.11

Das Selbst (Atma) ist zuschauend, ewig, all-durchdringend,

all-einsam, frei, denkens- und tatenlos, berührungslos,

verlangenslos, friedevoll allem Wirbel entrückt, nur scheinbar

dem ziellosen Lebensstrom preisgegeben. 1.12

Betrachte dein Selbst: reglos auf höchstem Gipfel steht es,

zur Wahrheit erwacht, nichts Zweites neben ihm.

"Das Ich ist bloße Wahnvorstellung" - so löse dich aus

dem Wirbel, dem äußeren und dem inneren. 1.13

Lange schon bist du gebunden, Kind, mit der Schlange:

dem Wahn des Körpers. Mit dem Schwert der Erkenntnis:

"Erwacher zur Wahrheit bin ich" zerschneide sie und sei beseligt. 1.14

Berührungslos, handlungslos bist du: Licht, das sich selbst

erhellt, frei von aller Trübung. Deine Bindung bleibt bestehen,

wo deine Vereinheitlichung halt macht. 1.15

Von dir ist alles dies erfüllt, in dich ist es in Wahrheit

eingebettet. Reine Erleuchtung ist dein Wesen, versinke

nicht in kleinlichem Denken. 1.16

Furcht- und hoffenslos, wandellos, lastlos, das Herz

voll Kühlung, unergründlichen Geistes sei unbewegt:

Gefäß von Bewusstsein allein. 1.17

Formhaft, wisse, ist die Täuschung, formfrei aber das Wirkliche.

Nicht entstehen dem neue Leben, dem diese Wahrheit

gewiesen wird. 1.18

Wie bei einer Gestalt im Spiegel in ihrem Innern Spiegel

ist und rings um sie herum, so ist der höchste Gott in

diesem deinem Körper und rings um ihn herum. 1.19

Einig und überallhin sich ausbreitend ist die den Himmel erfüllende Luft -

im Inneren eines Gefäßes wie auch außen um es herum:

So ist das ewige Brahman ohne Spaltung in sich eins in all den Scharen der Lebewesen. 1.20

Janaka sprach:

Ohne Trübung bin ich, ruhevoll, Erwacher zur Wahrheit,

bin der Andere zum ewigen Urstoff der Welt. So lange Zeit

war ich durch eitle Verblendung betört. 2.1

Wie ich all-einsam diesen Körper hier erhelle und entfalte, so auch

das gesamte Weltall. Hier aus mir entsteht das gesamte Weltall

- oder nichts. 2.2

Dieses Ich, dem Körper - ja, dem Weltall - sich entziehend,

wird nun von mir dank glücklicher Einsicht von irgendwoher

als allerhöchstes Selbst erschaut. 2.3

Wie Wellen, Schaum und Blasen nicht vom Wasser des Meeres getrennt sind,

so ist auch das Weltall nicht vom Selbst getrennt,

das aus dem Selbst hervorging. 2.4

So, wie ein Kleidungsstück, wenn man's betrachtet, aus nichts als

aus Fäden besteht, so ist das Weltall - recht betrachtet - nichts als

das Selbst. 2.5

Wie im Safte des Zuckerrohrs Zuckerkristall sich bildet

und ganz vom Safte erfüllt ist, so ist das Weltall in mir

gebildet, ganz und gar von mir erfüllt. 2.6

Aus dem Nichterkennen des Selbst erhebt sich der Schein

der Welt, aus dem Erkennen des Selbst erhebt sich kein

Schein. Aus dem Nichterkennen des Stricks erhebt sich der

Schein, da sei eine Schlange, aus seinem Erkennen erhebt

sich kein Schein. 2.7

Erleuchtung ist mein eingeborenes Wesen, ich bin nicht

davon verschieden. Wenn das Weltall leuchtet, so ist das

der Widerschein des Lichtes des Selbst. 2.8

Oh, trügerisch verzerrt erscheint alles in mir durch Nichterkennen:

Silber wo Perlmutter ist, Schlange wo Strick, Wasser wo

Luftspiegelung von Sonnenstrahlen. 2.9

Aus mir ging dieses alles hervor, in mir löst es sich wieder

auf - wie ein Topf aus ungebranntem Lehm sich wieder in

Erde auflöst, wie die Welle in Wasser, wie ein Armring in Gold. 2.10

Oh ich - Verehrung mir! - für den es kein Vergehen gibt,

der bestehen bleibt, wenn auch vom höchsten Brahma bis

zum kleinsten Grashalm alle Wesen der Welt vergehen. 2.11

Oh ich - Verehrung mir! - all-einsam bin ich. Da ist ein Körper

zwar, doch ist nichts, wohin ich ginge, auch nichts, wohin

ich nicht ginge - alles erfüllend stehe ich ruhig. 2.12

 

Oh ich - Verehrung mir! - keiner gleicht mir an Geschicklichkeit,

der, ohne es mit dem Körper zu berühren, das All trägt. 2.13

Oh ich - Verehrung mir! - ich habe nichts und habe

doch alles, was im Bereich von Geist und Sprache lebt. 2.14

Erkenner, Erkanntes und das Erkennen - diese Dreiheit ist nicht

wirklich. In mir entfaltet sich ihr Schein durch Nichterkennen

- und ich bin es, der frei von Trübung ist. 2.15

Zweiheit, ach, ist die Wurzel des Leidens. Das einzige Heilmittel

dafür ist die Erkenntnis: "Alles Sichtbare hier ist wahnhaft".

"Wer bin ich? - Wirklichkeit, Bewusstsein, ungetrübtes Sein." 2.16

Allein nur Erwacher zur Wahrheit bin ich, aus Nichterkennen

schuf ich mir eine Hülle. Wenn ich's so betrachte, ist mein

Stand ewig im Unwandelbaren. 2.17

Nicht Bindung noch Befreiung gibt es für mich. Der grundlose

Wirbel ist zur Ruhe gekommen. Oh, in mir steht das Weltall

- und steht in Wahrheit nicht in mir. 2.18

Samt meinem Körper ist das Weltall: nichts - das ist gewiss!

Reines Bewusstsein allein ist mein Selbst. Worüber ließe sich

da noch grübeln? 2.19

Körper, Himmel und Hölle, Bindung und Befreiung und auch

Furcht: bloße Vorstellung ist alles. Was gehen sie mich an?

- mein Selbst ist Bewusstsein. 2.20

Oh, wenn ich auch in Menschenmenge keine Zweiheit sehe,

wenn's wie leere Wüste um mich geworden ist, woran sollte

ich meine Lust hängen? 2.21

Nicht bin ich ein Körper, nicht habe ich einen Körper, nicht bin ich

eine individuelle Person (Jiva). Denn ich bin Bewusstsein. Das band

mich, dass ich verlangend am Leben hing. 2.22

Oh, mit bunten Wellen von Wesen erhob sich plötzlich in

mir, dem unendlichen Weltmeer, als der Wind des Denkens

aufkam, die Welt. 2.23

In mir, dem unendlichen Weltmeer, wenn der Wind des Denkens

sich legt, versinkt unselig das Schiff der Welt samt seinem

Kauffahrer, der individuellen Person. 2.24

In mir, dem unendlichen Weltmeer - o wunderbar - steigen die

Wellen der individuellen Lebewesen auf, brechen sich, spielen

und gehen in mich ein, wie ihre Natur es ihnen gebietet. 2.25

Ashtavakra sprach:

Als unvergänglich erkennst du dein Wesen, als all-einsam in Wahrheit.

Wie käme dir, dem Kenner der Wirklichkeit, dem Weisen, Lust am Gewinn von Dingen? 3.1

Vom Nicht-Wissen um die Wirklichkeit - ach! - stammt die Liebe zur

Sinnenwelt, die im Wirbel des Wahnes lebt, wie vom Nichtwissen

um Perlmutter Verlangen stammt, im Wahne, es sei Silber. 3.2

Worin dieses Alles auf und ab wogt, wie Wellen im Weltmeer:

DAS bin ich! - wenn du das erkannt hast, was läufst du dann

herum wie ein Elender? 3.3

Wiewohl er vernahm, dass reines Bewusstsein sein Wesen sei,

glückselig, gerät er in Unreinigkeit, dem Schoße ganz verfallen. 3.4

In allen Geschöpfen sein eigenes Sein und alle Geschöpfe

im eigenen Sein erkennend, bewegt sich der Heilige -

Rätsel! - im "Mein"-sein. 3.5

Im höchsten Zweitlosen nimmt er seinen Stand, im Sinn

der Befreiung findet er Halt, und - Rätsel! - gerät in die Gewalt

sinnenfroher Wünsche, mangelvoll, in der Leere der Lust. 3.6

Den sichtbaren Feind der Erkenntnis klar erschauend, gibt

sich der Allzuschwache - Rätsel! - den Wünschen hin, dem

dunklen der beiden Pole zugewandt. 3.7

Wunschlos nach diesem wie nach anderem Leben, Ewiges und

Vergängliches unterscheidend, empfindet der nach Befreiung

Verlangende - Rätsel! - vor der Befreiung Furcht. 3.8

Aber der Weise, ob er gespeist wird, ob er gequält wird

- allerwärts sieht er allein sein eigenes Sein und fühlt

nicht Freude noch Zorn. 3.9

Den eigenen Körper, der sich bewegt, betrachtet er wie

eines anderen Körper, wie sollte der Großgemute bei

Lobpreis oder Beschimpfung sich erregen ? 3.10

Als Maya allein sieht er dieses alles an, verlangenslos.

Wie sollte er, weisen Geistes, erzittern, selbst wenn

der Tod nahe ist? 3.11

Wessen Geist frei von Begierde ist, wer, großen Wesens,

jenseits allen Hoffens ist - wie erstünde, was ihm waagehielte,

der in der Erkenntnis des Seins Erfüllung gefunden hat? 3.12

Wer aus sich selbst heraus weiß: dieses Sichtbare ist nichts,

wie sollte der Weise erwägen: "dies will ich ergreifen,

jenes von mir weisen!"? 3.13

Wer alles Verunreinigende aus seinem Inneren entfernte,

aller Zweiheit ledig, frei von Hoffen - was ihm Gelegenheit

zuträgt, gerät ihm nicht zu Leide, nicht zur Freude. 3.14

Ashtavakra sprach:

Wohlan: wer weise das Selbst erkannte und sich spielend

dem Scheinspiel des Weltentreibens hingibt, was hat er

gemeinsam mit den Wahnbefangenen, die der endlose

Strom der Geburten dahintreibt? 4.1

Der Ort, nach dem Armselige wie Schakra, der Götterkönig

und alle Götter verlangen, - oh, wenn der Yogi ihn betritt,

überfällt ihn kein Freudenschauer. 4.2

Wer solches weiß, bleibt, wenngleich verkörpert, im Inneren von

Gutem und von Bösem unberührt, denn nicht verschmilzt die reine

Bläue des Himmels mit aufsteigendem Rauch, scheint es auch dem Auge so. 4.3

Wer, großen Wesens, erkannte: mein Sein ist diese ganze

Welt - wer vermöchte den zu hindern, wenn er sich bewegt,

wie es ihm gefällt? 4.4

Denn bei allen vier Arten von Geschöpfen: Göttern und Menschen,

Tieren und Pflanzen, vom höchsten Gotte Brahma bis zum

Grashalm herab, hat, wer die Wahrheit erkannte, die Macht,

ihren Willen und Unwillen von sich zu streifen. 4.5

Wer weiß, dass sein eigenes Wesen ohne ein Zweites ist

und Herr des Universums - was er tut, vollbringt er in sich

- und nirgendwoher droht ihm Furcht. 4.6

Ashtavakra sprach:

Von nirgendwoher berührt dich etwas. Was verlangst du

Reiner abzustreifen? Zerschmilz die Vielheit der Welt

- so geh zum Verschmelzen. 5.1

Aus dir steigt alles auf wie Blasen aus dem Meer, so erkenne

dein Wesen als all-einsam - so geh zum Verschmelzen. 5.2

Ob es gleich vor Augen steht, ist alles - weil ohne Sein -

nicht in dir, dem Fleckenlosen. Entfaltet ist es wie der

Anschein der Schlange am Strick - so geh zum Verschmelzen. 5.3

Leid und Lust sind dir gleich: du bist der Ganze. Gleich

in Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, gleich sind dir Tod

und Leben - so geh zum Verschmelzen. 5.4

Ashtavakra sprach:

"Ich bin unendlich wie der Raum. Wie ein Gefäß, das

er innen und außen umgibt, ist die materielle Welt"

- das ist Erkenntnis. Wer solches weiß, bei dem ist nicht

Verzichten, nicht Ergreifen - ist Verschmelzen. 6.1

"Ich bin dem großen Weltmeer gleich, die Welt hier

wellengleich" - das ist Erkenntnis. Wer solches weiß, bei dem

ist nicht Verzichten, nicht Ergreifen - ist Verschmelzen. 6.2

"Ich gleiche dem Perlmutter, wie Silber ist der Wahn vom All"

- das ist Erkenntnis. Wer solches weiß, bei dem ist nicht

Verzichten, nicht Ergreifen - ist Verschmelzen. 6.3

"Ich bin in allen Wesen und alle Wesen auch in mir - das ist

Erkenntnis. Wer solches weiß, bei dem ist nicht Verzichten,

nicht Ergreifen - ist Verschmelzen. 6.4

Janaka sprach:

In mir, dem endlosen Weltmeer, treibt das Schiff des Alls

hierhin und dorthin, unterm Winde des Denkens - ich bin

ohne Ungeduld. 7.1

In mir, dem endlosen Weltmeer, mag die Welle der Welt

ihrem Wesen gemäß steigen oder fallen - das macht mich

nicht wachsen und nimmt mir nichts weg. 7.2

In mir, dem endlosen Weltmeer, ist Wahnvorstellung:

ihr Name ist "Weltall". Unermesslich friedvoll, gestaltlos

bin ich - das ist es, worin ich weile. 7.3

"In den Formen des Werdens ist kein Sein - auch nicht Werden

in Ihm, dem Unendlichen, Ungetrübten" - so bin ich unangetastet,

verlangenslos, friedevoll - das ist es, worin ich weile. 7.4

Oh, Bewusstsein allein bin ich. Einem Gaukelspiel vergleichbar ist

die Welt. Warum, woher käme mir da der Wahn, etwas von mir zu

weisen, oder etwas anderes zu ergreifen? 7.5

Ashtavakra sprach:

Dann ist Bindung, wenn der Geist etwas verlangt oder beklagt,

etwas abweist oder ergreift, etwas schlägt oder ergrimmt. 8.1

Dann ist Befreiung, wenn der Geist nichts verlangt oder beklagt,

nichts abweist oder ergreift, nichts schlägt oder ergrimmt. 8.2

Da ist Bindung, wo der Geist an irgendwelchen Vorstellungen

hängt. Da ist Befreiung, wo der Geist an keinerlei Vorstellungen

hängt. 8.3

Wenn kein Ich ist, dann ist Befreiung, wenn ein Ich ist, dann

ist Bindung - bedenke das und spielend glückt es: ergreife nichts

und weise nichts ab. 8.4

Ashtavakra sprach:

Getanes und Ungetanes - und alle die Paare von Gegensätzen,

die sich widerstreiten, wann kommen sie wem zur Ruhe? - Erkenne das -

und übersatt daran sei ganz Aufgeben,

frommem Vorsatz, frommer Übung ganz entrückt. 9.1

Im Erschauen, wie sich die Welt verhält, gingen manchem

Glücklichen der Wunsch zu leben und Trieb zu schmecken

und Trieb zu sein in Ruhe ein. 9.2

Unbeständig ist alles das hier, verdorben von dreifacher

Schmerzensglut, ohne Sein, verwerflich, hinfahrenswert

- wer so entscheidet, kommt zur Ruhe. 9.3

Was ist die Zeit hier oder was ist Lebenskraft, wo Gegensätze

im Menschen widerstreiten? Wer gleichmütig über sie hinblickt

und sie nimmt, wie sie kommen, kann Vollendung erlangen. 9.4

Vielfältig ist, was große Seher, Heilige und Yogis aussagen.

Dies sehend von Übersättigung befallen - welcher Mensch käme

da nicht zur Ruhe ? 9.5

Wer rings den Körper erkannte, ist er nicht auch Lehrer über

das Geistige - der, welcher durch Praktizieren von Ausgewogenheit

und Gleichmut aus dem endlosen Strome der Leben hinausführt? 9.6

 

Sieh, wie alle gewordenen Wesen werdend-vergehend sich wandeln,

vergänglich nur sind sie in Wahrheit - dann wirst du im Augenblick

von Bindung frei und stehst in deiner eigenen Form. 9.7

Ein Hauch von Früherem, der dich durchtränkt, ist der ziellose

Strom der Geburten. Lass alles, was dich von früher her durchtränkt,

dahinfahren, gib auf, was von früher her an dir hängt und du gibst

den ziellosen Strom der Geburten auf - und stehst in Ruhe unverrückbar. 9.8

Ashtavakra sprach:

Entsage dem feindseligen Sinnenglück und dem Gewinn, der von

Verlust durchdrungen ist - und auch des tugendhaften Wandels, der Ursprung

von beidem ist. Mach ein Ende mit allem, was schirmt

und umfängt. 10.1

Wie ein vom Traum dir umgaukeltes Netz betrachte drei oder

fünf Tage lang Freund und Feld, Gut und Haus, Frau und

Erbe und was sonst dir zufiel. 10.2

Wo immer Durst ist - wisse, da ist der endlose Strom der Geburten.

Ausgereifte Wunschlosigkeit pflege - frei von Durst sei glückselig. 10.3

Durst allein ist Wesen der Bindung. Sein Vergehen heißt Befreiung.

Nicht am Werden Hängen gibt allein - wieder und wieder -

Glück erlangten Ziels. 10.4

Du bist all-einsam, Bewusstsein und rein. Stumpf ist das All,

nicht-seiend. Auch dein Nichtwissen ist nichts - welche

Erkennenslust bewegt dich trotzdem? 10.5

Königsmacht, Söhne und Frauen, Körper und Glück gehen dir,

auch wenn du an ihnen hängst, Leben um Leben verloren. 10.6

Genug mit Gewinn und Sinnenglück und auch mit tugendhaftem

Handeln. In ihnen fand der Geist keine Ruhe im wilden Walde

immer neuen Lebens und Sterbens. 10.7

Wie viele Geburten lang hast du nicht mit Körper, Geist und

Rede schweres, ermüdendes Werk gewirkt - darum halte nun

endlich ein! 10.8

Ashtavakra sprach:

"Das Wandelspiel des Werdens und Vergehens entspringt der Natur

des Werdens" - wer so urteilt kommt wandellos, frei von Unreinheit,

in Seligkeit zur Ruhe. 11.1

"Der weltdurchwaltende Gott, der alles geordnet hervorbringt

- kein anderer ist HIER" - wer so urteilt, dem fällt alles Hoffen

und Wünschen dahin, friedevoll haftet er nirgends. 11.2

Fall des Glücks und Fülle des Glücks kommen zu ihrer Zeit vom

Schicksal her" - wer so urteilt ist satt, mit Sinnen, die in sich

ruhen - immerdar verlangt er nichts, beklagt er nichts. 11.3

"Glück und Leid, Geburt und Tod kommen vom Schicksal her"

- wer so urteilt, sieht nichts, was zu vollbringen wäre.

Frei von Bemühen, auch wenn er handelt, haftet ihm nichts an. 11.4

"Aus Denken entsteht Leiden, nicht anders ist es hier" - wer so

urteilt, ist, vom Denken frei, selig friedevoll, nach allen Seiten

fiel Verlangen von ihm ab. 11.5

"Nicht bin ich ein Körper, nicht habe ich einen Körper,

Erwacher zur Wahrheit bin ich" - wer so urteilt, hat gleichsam losgelösten

Stand erreicht, an Getanes und Ungetanes denkt er nicht mehr. 11.6

"Von Brahma bis zum Grashalm - das bin ich allein" - wer so urteilt,

ist frei von Wahn, rein und friedevoll, ist zu Ende mit Erlangtem

und Nichterlangtem. 11.7

"Dieses Weltall - vielerlei Wunder voll - hat keinerlei Sein" -

wer so urteilt, den tränkt kein Hauch von Früherem her,

ein bloßes Flimmern geht er wie ein Nichts in Ruhe ein. 11.8

Janaka sprach:

Körperliches Handeln ertrug ich nicht - das war der Anfang.

Danach ertrug ich nicht Ausbreitung der Rede, dann ertrug ich

Denken nicht - daher kam mir solcher Stand, in dem ich stehe. 12.1

Weil mir nicht Liebe entsteht zu Klängen und anderen Sinnendingen,

und weil das Sein nicht sinnlich wahrnehmbar ist, ist mein Herz Verstreuung

und Sammlung in eine Spitze zugleich - solches ist der Stand,

in dem ich stehe. 12.2

Innere Stille Erfahren, in Yoga Sitzen und andere Übung ist

im Bereich der Verstreuung, Weltentreiben dient der Sammlung -

als ich auf solche Regel mein Auge richtete, ward solches der

Stand, in dem ich stehe. 12.3

Weil mir fern war, was aufzugeben oder zu ergreifen sei, weil nicht Freude

noch Kleinmut in mir entstand, o Brahmane, ist solches jetzt der Stand, in dem ich stehe. 12.4

Weil ich gegenüber Lebensordnungen und Enthobensein aus ihnen,

gegenüber Festhalten innerer Schau und Aufgeben von allem, was der

Geist sich zugeeignet hat, im Zustand alles-überschauender freier

Wahl verblieb, ward solches der Stand, in dem ich stehe. 12.5

So, wie Durchführen von Handlungen dem Nichterkennen entspringt,

geradeso auch das Aufhören zu Handeln - weil ich diese Wahrheit

recht begriffen hatte, ward solches der Stand, in dem ich stehe. 12.6

Auch wer das Undenkbare denkt, hat teil an der Form des Denkens.

Ich gab auf, das Undenkbare in mir werden zu lassen - daher

wurde mir solcher Stand, in dem ich stehe. 12.7

Wer solches erreichte, hat wohl "sein Werk vollbracht".

Wer eben so in seinem eigenen Sein gegründet ist, hat wohl

"sein Werk vollbracht". 12.8

Janaka sprach:

Nicht-irgend-etwas-Sein, fester Stand in sich selbst, sind auch

im bloßen Lendenschurz des Asketen schwer zu erlangen. Abweisen

und Annehmen ließ ich hinter mir - und weile, wie es mir wohl ist. 13.1

Irgendwo ist Schmerz des Körpers, irgendwo schmerzt es die Zunge,

irgendwo auch den Geist - das gab ich auf. Fest stehend im Ziel

des menschlichen Lebens ist mir wohl. 13.2

Es gibt nichts zu vollbringen - so bedenke ich der Wahrheit gemäß.

Wenn etwas auf mich zukommt, um getan zu werden, tue ich's

- und weile, wie es mir wohl ist. 13.3

Die Zustände: Tat, Tatlosigkeit, Vorsatz eignen dem Yogi, der

am Körper haftet. Berührung und Unberührtheit gab ich auf

- und weile, wie es mir wohl ist. 13.4

Gewinn und Verlust sind nicht bei mir im Stehen noch im Gehen

oder Ruhen. Stehend, gehend, schlafend weile ich darum, wie

es mir wohl ist. 13.5

Schlafe ich, gibt es bei mir kein Verlieren - Gewinnen auch

nicht, mühe ich mich. Niedergang und Aufschwung ließ ich

hinter mir - und weile, wie es mir wohl ist. 13.6

Glück und andere Formen des Vergänglichen in den Arten

des Werdens vielfältig erschauend, ließ ich Schönes und

Unschönes hinter mir - darum weile ich, wie es mir wohl ist. 13.7

Janaka sprach:

Wer, obgleich sein Wesen reines Bewusstsein ist - aus Betörung

Werdeformen in seinem Geiste entstehen lässt, ist wie einer,

der träumte - und erwacht, wenn der endlose Strom der Geburten

ihm versiegt. 14.1

Wo sind Güter, wo Freundschaftsbande, wo die Räuber - die Sinnendinge?

Wo gültige Lehre - und wo Erkenntnis - wenn mein Verlangen dahinfiel? 14.2

Erkenne ich mein Sein als stillen Zeugen, erkenne ich mein

höchstes Selbst und mich als göttlichen Herrn - in Wunsch-

und Hoffenslosigkeit vor Bindung und Befreiung ist kein Sorgen

in mir um Befreiung. 14.3

Wer, im Innern frei von Grübeln, außen hinwandelt, wie

es ihn ankommt, erkennt die Fäden des Schicksals aller Art -

Schicksal gleichsam für einen in Verwirrung Geratenen -

als das, was sie sind. 14.4

Ashtavakra sprach:

Dank wahrer Belehrung erreicht das Ziel, wessen Unterscheidungskraft

von lichter Klarheit ist. Ein anderer, auch wenn ihn sein Leben lang

nach Erkenntnis dürstet, wird hier nur verwirrt. 15.1

Befreiung ist: keinen Geschmack an den Dingen finden. Bindung ist:

Geschmack an den Dingen - so weit nur übe unterscheidende

Erkenntnis, wenn dich danach verlangt. 15.2

Redefrohe Weise und mächtig Ringende wandelt Erwachen zur Wahrheit

in Stumme, Toren und Müßig-Träge - darum flieht

davor, wen's die Dinge zu schmecken verlangt. 15.3

Nicht bist du der Körper, nicht hast du einen Körper,

Wahrnehmender bist du nicht noch Handelnder. Bewusstsein bist du

in deinem wahren Sein, ewig zuschauend - unbeteiligt zieh dahin in Seligkeit. 15.4

Liebe und Hass sind Haltungen des Denkorgans, des Geistes, aber Denken

ist nirgendwann in dir. Frei von Vorstellungen bist du, Erwachen

zur Wahrheit ist dein Wesen - wandlungslos zieh dahin in Seligkeit. 15.5

In allen Lebewesen dein eigenes Selbst und alle Lebewesen in deinem

Selbst erkennend - frei von Ich-Sucht, frei von Meinheit sei beseligt. 15.6

Worin dieses Weltall erzitternd webt wie Wellen im Meer, das bist

du allein, ganz ohne Zweifel. Der du Bewusstsein bist - sei frei

von Fieber. 15.7

Glaube, Lieber, glaube es, treibe keinen Wahn damit:

Wahrheits-Erkennen ist deine Eigenform, Erhabener,

Sein bist du, jenseits der Materie der Welt. 15.8

Mit unterschiedlich entfalteten Kräften rings umwunden steht der

Körper, kommt und geht. Das Selbst geht nicht und kommt nicht

- was trauerst du dem Körper nach? 15.9

Dauerte der Körper bis ans Ende des Zeitalters, oder ginge er

auch gleich jetzt wieder zugrunde - was wüchse dir zu, oder

was nähme es dir weg - dessen Form allein Bewusstsein ist? 15.10

In dir, dem endlosen Weltmeer, mag die Welle Weltall ihrer Natur

gemäß steigen oder fallen - das macht dich nicht wachsen, das

nimmt dir nichts weg. 15.11

Lieber: Bewusstsein allein ist deine Form, nicht verschieden von

dir ist diese Welt. Also woher, wie und wo, stellst du dir Minderung

oder Mehrung vor? 15.12

Im all-einen, ruhevollen unvergänglichen Raum des Bewusstseins,

dem fleckenlosen, der du bist - woher käme da Geburt, woher

Handeln - und woher gar Ichgefühl? 15.13

Was du erblickst, darin strahlst du dich selbst all-einsam wider.

Strahlt etwa ein Goldreif an Handgelenk, Arm oder Fuß außer

in seinem Golde? 15.14

"Der hier bin ich, der da bin ich nicht" - gib diese Unterscheidung

auf. "Alles ist Selbst", so entscheide - und frei von Grübeln zieh

dahin in Seligkeit. 15.15

Deinem Nicht-Erkennen entstammt das Weltall, all-einsam bist in du

in höchster Wirklichkeit. Neben dir ist kein anderer, der im

endlosen Strome der Geburten hinwanderte, auch keiner dem

endlosen Strome entrückt. 15.16

"Täuschung nur ist alles das hier, nichts ist es" - wer so

entscheidet, wird frei von jedem Hauch früherer Leben. Wie ein

Flimmern nur, wie ein Nichts erlischt er in Ruhe. 15.17

All-einsam war er im Meer des Werdens, all-einsam ist er,

wird er sein. Nicht Bindung gibt es für dich, nicht Befreiung.

Was zu tun war, hast du getan - zieh dahin in Seligkeit. 15.18

Nicht mit Bilden noch Auflösen von Vorstellungen rühre den Geist

auf, der du Bewusstsein bist. In Ruhe eingegangen, steh selig still

in deinem eigenen Wesen, dessen Natur Glückseligkeit ist. 15.19

Gib Meditation nur allerwegen auf, halte nichts mit Sammlung

im Herzen fest - "Selbst" bist du, ja: befreit bist du, was willst

du hin und her wahrnehmend vollbringen? 15.20

Ashtavakra sprach:

Verkünde oder vernimm, mein Kind, viele Lehren viele Male

- dennoch findest du nicht Ruhe in dir selbst, es sei denn,

du vergäßest sie alle. 16.1

Erfahren der Dinge, Handeln oder zur Ruhe Kommen magst du vollbringen,

du Kluger - doch erst, wenn es frei von allen Wünschen und jeden

Hoffens ist, wird dein Bewusstsein grenzenlos glückselig erstrahlen. 16.2

Vom Sich-Mühen ist jeder voll Leiden - und keiner kennt Ihn.

Bloß durch diese Lehre reich, findet er Aufhören der Bewegung

des Werdens. 16.3

Aber wen als Arbeit schon Auf und Nieder der Augenlider quält,

dem trägen Lasttier gehört das Glück - keinem anderen. 16.4

"Dies ist getan, dies nicht" - wird der Geist frei von solchen

Gegensatzpaaren, dann schenkt er frommer Pflicht

und Wohlstand, Befreiung und Sinnenlust keinen Blick mehr. 16.5

Wer frei von Verlangen ist, wird Sinnendingen feind, wer voll

von Verlangen ist, den lüstet nach Sinnendingen. Aber wer frei

ist von Ergreifen und Abweisen, ist weder frei von Verlangen

noch voll von Verlangen. 16.6

Dass etwas aufzugeben oder zu ergreifen sei, ist bloß ein Zweig

am Aste "endloser Strom der Geburten". Solange Verlangen lebt,

ist Stand im Nicht-Erkennen die Stätte. 16.7

Beim Entstehen der Werdens-Bewegung entsteht Verlangen, beim

Aufhören der Werdensbewegung Abneigung. Frei von Gegensatzpaaren

wie ein Kind, bleibt der Weise in sich selbst gleich 16.8

Den endlosen Strom der Geburten begehrt der Verlangensvolle zu lassen,

weil er Leiden zu lassen wünscht. Wem Verlangen schwand, der ist

frei von Leiden und wird auch im Strom der Geburten nicht gequält. 16.9

Wer Selbstwahn noch in "Befreiung" hat und Meinheit am Körper,

ist nicht Erkennender noch Yogi - hat nur am Leiden teil. 16.10

Wäre Schiva dein Lehrer, Vischnu oder auch der lotusgeborene

Brahma - auch so fändest du nicht Ruhe in dir selbst, es sei denn,

du vergäßest alles. 16.11

Ashtavakra sprach:

Frucht der Erkenntnis hat erlangt, Frucht der Bemühung im Yoga

auch, wer satt - die Sinne unter eigenen Wunsches Herrschaft

- immerdar einsam sich in sich selbst erfreut. 17.1

Nirgend wann in dieser Welt fürwahr, wird, wer die Wahrheit weiß,

gequält - weil er all-einsam rings das ganze Brahman-Ei erfüllt. 17.2

Sinnendinge reizen gewiss nicht ihn, der in sich selbst Seligkeit

ist - wie Nimba-Sprosse den Elefanten nicht reizen, der sich

an Sallaki-Sprossen gütlich tut. 17.3

Bei gekosteten köstlichen Dingen verweilt er nicht, bei

ungekosteten ist er frei von Verlangen - so einer sei, der

schwer zu finden ist. 17.4

Wer die Dinge zu kosten sich sehnt, ist hier im endlosen Strom

der Geburten zu sehen - auch wer sich nach Befreiung sehnt.

Wen nicht zu kosten, noch auch nach Befreiung verlangt,

ist selten - der Großgemute. 17.5

 

Bei frommer Pflicht und bei Erwerb von Wohlstand, in Sinnenfreuden

und Befreiung, in Leben und Tod, findet, wer erhabenen Geistes ist,

nichts aufzugeben noch zu erlangen. 17.6

Nicht Furcht, das Weltall verginge, nicht Gram über seinen

festen Bestand: Leben, wie es sich gibt - davon reich, weilt er,

wie es ihm wohl ist. 17.7

"Mit solcher Erkenntnis hat einer sein Werk vollbracht" - damit ist

selbst einer, dessen Geist voller Unreinheit ist, am Ziel: sehend,

hörend, tastend, riechend, schmeckend - weilt er, wie es ihm wohl ist. 17.8

Leer ist das Sehen, ziellos die Gebärde und entspannt die Sinne,

nicht Verlangen noch Widerstreben regt sich in ihm, dem der

endlose Strom der Geburten versiegt ist. 17.9

Nicht wacht er, noch schläft er, nicht schlägt er die Lider auf

noch nieder - oh, fernstes Wesen webt dann und wann in einem,

der befreiten Geistes ist. 17.10

Unentwegt sieht man ihn fest in sich stehen, unentwegt ist

sein inneres Gefäß frei von Unreinheit. Von allem Hauche, der

aus früheren Leben ihn durchtränkt, ist er befreit - unentwegt

strahlt der Erleuchtete. 17.11

Er sieht, hört, tastet, riecht, schmeckt, ergreift, spricht

und geht: Regungen - und ist von allen Regungen befreit.

Befreit eben ist der Großgemute. 17.12

Nicht tadelt noch preist, nicht jubelt noch zürnt, nicht gibt

noch nimmt der Befreite - an allen Dingen ohne Geschmack. 17.13

Sieht er eine Frau von Neigung entflammt oder den Tod

herantreten: unverwirrten Sinnes, fest in sich selbst ruhend

- eben befreit - bleibt der Großgemute. 17.14

Bei Glück und Leid, bei Mann und Frau, bei Fülle des Glücks

und Fall des Glücks, ist dem Weisen kein Unterschied.

In allem ist er gleichen Blicks. 17.15

Nicht Gewalttat, auch nicht Mitleidigkeit, nicht Hochmut noch

Kleinmut, nicht Verwundern, auch nicht Erschüttern finden Raum

beim Menschen, dem der endlose Strom der Geburten versiegt ist. 17.16

Der Erleuchtete ist den Sinnendingen nicht feind, noch auch

lüstern nach ihnen. Immerdar bleibt sein Geist unberührt,

wenn er Erfreulichem und Unerfreulichem begegnet. 17.17

Geistige Vereinheitlichung und Zerstreung, zweifelndes

Grübeln über Vorteil und Nachteil kennt nicht, wer leeren

Geistes ist - er steht wie in abgelöstem Sein. 17.18

Wer frei vom "mein", frei vom "lch"-Tun, über sich und Welt

"nicht-irgend-etwas" als Urteil erkannte, wem alles Wünschen

und Hoffen dahinging - auch wenn er handelt, handelt er nicht. 17.19

Wer frei von Klarheit des Geistes und von Betörung ist, frei

von Dumpfheit des Traums, dem schwand, was immer ihm

auch widerfährt, was dem Geist sich einprägt, dahin. 17.20

Ashtavakra sprach:

Wem im Aufgang des Erwachens zur Wahrheit sein Wahn wie

ein Traum wird: Seligkeit allein ist seine Form - Anbetung ihm,

friedevollen Strahlenglanzes! 18.1

Wer alle Güter erwirbt, Freuden in Fülle schmeckt, wird nicht

glücklich, er gäbe denn alles auf. 18.2

Woher käme dem inneren Wesen Glück, verzehrt von der Sonne

quälender Pflichten - er tränke denn das Nass des Strahls

des Unsterblichkeitstrankes tiefen Friedens. 18.3

Alles Werden hier wird nur in Einbildung geworden, ist nichts

im Sinne höchster Wirklichkeit. Nicht ist Vergehen, wo einer

er selbst geworden ist und Werden und Vergehen auseinander

entstehen lässt. 18.4

Nicht in der Ferne, nicht im Sich-Zusammenziehen wird die Stätte

des Selbst erlangt: frei von zweifelndem Grübeln, frei von

verkrampfter Mühe, frei von aller Wandlung, frei von Schmutz

und von Schminke. 18.5

Verwirrende Betörung endet nur, wenn du deine eigene Form

ergreifst. Frei von Kummer erstrahlen die Augen, deren

Binde fiel. 18.6

"Alles ist nur spielerische Vorstellung, das Selbst ist frei in

Ewigkeit" - wer solches erkennt: ein Weiser - müht er sich

wie ein törichtes Kind ? 18.7

"Das Selbst ist Brahman": so über Werden und Vergehen als

über spielerische Vorstellungen entscheidend - was unterscheidet

der Wunschlose im Geiste, was spricht er und was tut er? 18.8

"Dies da, mein Ich, ist nicht mein Ich" - so schwinden die

Zweifel. "Alles ist mein Selbst" - so entscheidet der Yogi,

der still wird. 18.9

Nicht geistige Zerstreuung noch Sammlung, nicht Überwachheit

noch Wahnbenommenheit, nicht Glück noch auch Leid kennt der

Yogi, der Frieden fand. 18.10

In Königsmacht und auf Bettelwanderschaft, bei Gewinn und

Verlust, mitten unter Menschen und in einsamer Wildnis

ist beim Yogi kein Unterschied, dessen Eigenwesen "Ich" und

"Anderes" nicht unterscheidet. 18.11

Wo ist rechter Wandel, oder auch wo Sinnenlust, wo Erwerb von

Wohlstand, wo unterscheidende Einsicht, wo "Dies ist getan, das nicht" -

beim Yogi, der frei von aller Zweiheit ist? 18.12

Zu tun ist ihm nichts auferlegt, keine Lust erhitzt des Yogi

Herz, der lebend frei ward - sein Verhalten hier sieht nur wie

Leben aus. 18.13

Wo ist Betörtheit, oder wo das Weltall, wo innere Schau, wo

Haltung des Erleuchteten bei ihm, der großen Wesens jenseits

aller Vorstellungen des Geistes friedvoll ruht? 18.14

"Der dieses Weltall wahrnahm, ihn gibt es nicht" - das soll er

verwirklichen! An wem kein Hauch von früherem Geschehen

haftet - was tut er? Auch sehend sieht er nicht. 18.15

"Der dieses höchste Brahman schaut, der bin ich: Brahman."

- so soll er denken! Was denkt der von allem Denken freie, der

nichts Zweites wahrnimmt? 18.16

Der das Selbst in Welt und Ich getrennt wahrnahm und der

Trennung Einhalt gebot: erhaben, ruhig und unverstreut

- was täte er, dem nichts zu vollbringen bleibt? 18.17

Der Weise, ins Gegenteil der Welt verwandelt, auch wenn er wie die Welt

sich zu verhalten scheint, richtet seine Aufmerksamkeit nicht auf Sammlung,

nicht auf Verstreuung, nicht auf Verschminken, nicht auf Haften am eigenen Wesen. 18.18

 

Wer frei von Werden und Vergehen, erfüllt, von keinem Hauche

früheren Seins durchtränkt, zur Wahrheit erwacht - nichts wird

von ihm getan - nur das Auge der Welt sieht Wandel an ihm. 18.19

Im Anfangen oder Aufhören fühlt der Weise keinen Krampf.

Wann immer er etwas zu tun angeht: hat er's getan, so steht

er glücklich still. 18.20

Kein Hauch von Früherem durchtränkt ihn, da ist nichts, woran er

sich festhält. Frei spielt er in sich selbst, aller Fesseln ledig.

Vom Winde innerer Wandlungen getrieben, treibt er dahin

wie ein trockenes Blatt. 18.21

Wer nicht im endlosen Strom der Geburten treibt: nirgends

findet er Lust, nirgends Kleinmut: immer kühlen Sinnes

strahlt er wie ein Körperloser. 18.22

Nicht entsteht dem Weisen bei irgend etwas Begierde nach Gewinn,

noch auch Furcht vor Verlust bei irgend etwas - selig ruht er in sich,

sein Selbst kühl und lichtvoll klar. 18.23

In seinem Wesen leeren Geistes, wenn er handelt, "wie es

sich gerade ergibt", ist am Weisen, der gleichsam ursprünglich

geworden ist, nicht Stolz noch Geringschätzung. 18.24

"Von meinem Körper wurde diese Handlung vollbracht, nicht

von mir in meiner reinen Form" - wer diese Sichtweise hat:

auch wenn er handelt, handelt er nicht. 18.25

Wie einer, der verleugnet was er tut, handelt er und ist

doch kein Narr. Lebend erlöst, selig, herrlich strahlt er,

wenn auch gleichsam im ziellosen Lebensstrom dahingleitend. 18.26

Des vielerlei Grübelns müde und ganz entspannt, in tiefe

Stille eingegangen, formt der Weise nichts in seinem Geist,

erkennt nicht, hört nicht, sieht nicht. 18.27

Jenseits von Sammlung und Verstreuung des Geistes,

jenseits von Verlangen nach Befreiung und von seinem Gegenteil,

die Vorstellungen des Geistes mit rechtem Urteil anschauend,

weilt der Großgemute als Brahman. 18.28

In wessen Innerem Ich-Bewusstsein ist, der handelt, auch wenn

er nicht handelt. Ungetan ist, was immer der Weise tat, der frei

von Ich-Bewusstsein ist. 18.29

 

Nicht bekümmert und nicht erfreut, nicht-handelnd, frei

von zitterndem Spiel, wunsch- und hoffenslos, frei von

Zweifel, strahlt der Geist des Befreiten. 18.30

Der Geist, der nicht anfängt, innere Vorstellungen zu entwickeln

oder sich zu regen, ist ohne Antrieb. Wie entwickelt er wohl

Vorstellungen, wie regt er sich? 18.31

Hört er vom wahren Sein, wie es wirklich damit ist, fällt der

Schwachkopf in Betörung hin, aber auch mancher Unbetörte

schrumpft vor Angst zusammen wie betört. 18.32

Um Sammlung des Geistes in eine Spitze oder um Hemmung seiner

spielenden Bewegung, ringen die Narren in heißem Bemühen. Die

Weisen sehen nichts, was zu tun wäre. Wie Schlafende weilen sie

ruhig in eigener Stätte. 18.33

Durch Nicht-Bemühen oder durch Bemühen erlangt der Narr nicht

ein Aufhören der Werdensbewegung. Allein durch Unterscheidung,

was wirklich ist, wird der Weisheitsvolle von Werdensbewegung frei. 18.34

Das reine, in sich wache, liebe, all-ganze, der Erscheinungswelt

entrückte und unverletzbare Selbst erkennen die Menschen nicht,

die voller Bemühen darum sind. 18.35

Nicht erlangt der Betörte Befreiung durch ein Handeln, das die Form

des Bemühens hat. Der vom Glück Gesegnete wird durch einfaches

Erkennen befreit und steht in Ruhe wandellos. 18.36

Der Narr erlangt das Brahman nicht - weil er es zu werden

wünscht. Auch ohne zu wünschen teilt der Weise die

Eigenform des höchsten Brahman. 18.37

Ohne Halt in sich selbst, ganz Ergreifen sind die Narren,

die den endlosen Strom der Geburten nähren. Das Zerschneiden

dieser sinnlosen Wurzel üben die Weisen. 18.38

Der Narr erlangt den Frieden nicht, weil er Frieden zu werden

wünscht. Der Weise, Wahrheit in Erkenntnis unterscheidend,

ist immerdar friedevollen Geistes. 18.39

Wie soll das Sein erschauen, wer am Geschauten hängt? Die Weisen

schauen nicht dies und das - und schauen das unvergängliche Sein. 18.40

 

Wo käme der Betörte zum Aufhören, der den Vorsatz dazu fasst?

Für den Weisen, der selig in sich selbst ruht, wird überall

Aufhören, ungewollt und ohne Tun. 18.41

Mancher lässt das Werden werden, ein anderer lässt nicht irgend

etwas werden. Mancher lässt keines von beiden werden - so

allein ist er reglos: von nichts erfüllt, von nichts bedrängt. 18.42

Das reine Sein, das ohne ein Zweites ist, lassen die

Einsichtsarmen vor sich werden, aber in Wahnbefangenheit

erkennen sie es nicht und kommen ihr Leben lang nicht zum

Aufhören. 18.43

Den Geist eines nach Befreiung Verlangenden ohne einen Halt,

an dem er hängt, findet sich nicht. Ohne Halt aufrecht, ohne

Verlangen ist der Geist des Erleuchteten allerwegen. 18.44

Die Tiger, die Sinnendinge, flüchten erschreckt, Schutz

suchend, sogleich in die Höhle, damit Sammlung in die

eine Spitze des Aufhörens sich vollende,

wenn sie den Löwen erblicken: den Weisen, den kein Hauch

von früher her durchtränkt. Stumm fliehen die Elefanten,

die Sinnendinge - machtlos dienen sie ihm mit schmeichelnden

Worten. 18.45-18.46

Er stellt sich nicht darauf ein, auf seine Befreiung

hinzuwirken. Erwartungslos, mit beherrschtem Geist, sehend,

hörend, riechend und schmeckend, weilt er, wie ihm wohl ist. 18.47

Reinen Geistes hört er bloß von den Dingen und wird von

keiner Größe bedrängt. Nicht rechtem Wandel, noch schlechtem

Wandel, noch auch gleichgültigem Beiseitestehen gilt sein Blick. 18.48

Wenn er an etwas herankommt, es zu tun, dann tut er es geradewegs,

ob es schön ist oder nicht schön, denn sein Verhalten ist wie das

eines Kindes. 18.49

Weil er sich selbst gehört, erreicht er das Glück. Weil er sich

selbst gehört, erlangt er das Höchste. Weil er sich selbst

gehört, kann er zum Aufhören kommen. Weil er sich selbst

gehört, gelangt er zur höchsten Stätte. 18.50

Wenn er von seinem eigenen Selbst denkt: es handelt nicht,

es erfährt nichts - dann schwinden ihm alle Bewegungen des

Geistes dahin. 18.51

 

Fessellos, abgesondert, strahlt der feste Stand des Weisen

- nicht aber des Narren gekünstelte Ruhe, dessen Geist voll

Verlangen ist. 18.52

In großen Weltenfreuden spielen, in einsamen Berghöhlen wandern

die Weisen, die das Planen von sich warfen, die Ungebundenen,

befreiten Geistes. 18.53

Schaut er einen vedakundigen Brahmanen, einen Gott, eine heilige

Stätte, eine Frau, einen König oder einen Freund, so ehrt

der Weise sie mit seinem Gruße, aber kein Hauch davon

bleibt in seinem Herzen zurück. 18.54

Von Dienern, Söhnen und Frauen, von Enkeln und Blutsverwandten

verspottet und beschimpft, erfährt der Yogi nicht die leiseste

Wandlung in sich. 18.55

Auch erfreut ist er nicht erfreut und auch gequält ist er nicht

gequält - um seine wunderbare Haltung in diesem und jenem Geschick

wissen nur, die seinesgleichen sind. 18.56

Dass etwas zu tun sei - das eben ist der endlose Lebensstrom -

und das sehen die Weisen nicht. Leerer Form, frei von Form,

frei auch von Formwandel, frei von Krankheit. 18.57

Auch ohne Handeln ist der im Geist Betörte jederzeit angespannt

im Streben nach Befreiung, aber der Heile bleibt, auch wenn er tut,

was zu tun ist, reglos, frei und unbedrängt. 18.58

Glücklich sitzt, glücklich liegt, glücklich kommt und geht, glücklich

spricht, glücklich genießt er - auch mitten im Treiben der Welt

ruhevollen Geistes. 18.59

Wer aus seinem eigenen Sein heraus Kummer nicht kennt, wenn er

sich auch wie alle Welt verhält: unerschütterlich wie ein Ozean,

frei von unreinen Empfindungen, erstrahlt er in Schönheit. 18.60

Auch das Aufhören wird für den Narren ein Anfangen, auch

das Anfangen trägt für den Weisen die Frucht des Aufhörens. 18.61

Verlangenslosigkeit gegenüber Frauen ist hauptsächlich an Narren

zu sehen. Wem Wunsch und Hoffen am Körper hinfiel, wo ist Verlangen,

wo Verlangenslosigkeit an ihm? 18.62

Am Werdenlassen von Welt und Gedanke und an ihrem

Nicht-Werdenlassen haftet des Narren Blick immerdar,

aber der Blick dessen, der ruhevoll in sich selbst weilt, weil er

werden lässt, was werden soll, hat nicht die Form des Blicks. 18.63

Der Weise, der, frei von Verlangen, in allem, was er tut,

hinwandelt wie ein Kind, an dem Reinen bleibt nichts

haften - auch wenn die Handlung ausgeführt wird. 18.64

Der allein ist vom Glück gesegnet, weiß um das Sein, der in

allen Formen des Werdens gleich ist - im Sehen, Hören, Tasten,

Riechen und Schmecken verlangenslosen Geistes. 18.65

Wo ist der endlose Strom des Lebens und wo der Schein

von Ich und Welt, wo zu Vollbringendes und wo ein Weg des

Vollbringens - für den Weisen, der wie der unendliche Raum

allezeit ohne Wandlung ist? 18.66

Der siegt: ein Asket, der wirklich alles ablegt, dessen Gestalt

ganz vom eigenen Safte erfüllt ist, dessen Sammlung

ohne Kunst und Wollen währt, ohne abzureißen. 18.67

Wozu hier viele Worte: der Großgemute, der erkannte, was

wirklich ist, ist frei von Verlangen nach weltlichen Freuden und

nach Befreiung - immerdar und überall ist er ohne Geschmack. 18.68

Die Dualität der Welt, vom "Großen" - dem Intellekt - anhebend,

klafft nur in Worten zur Fülle der Erscheinungen auseinander. Ist

sie abgetan, was bleibt dem reinen Erwacher zur Wahrheit zu tun? 18.69

"Aus Wahn geworden ist alles dieses, nicht irgend etwas ist"

- wer so urteilt, kommt als unwahrnehmbares Flimmern ganz

und gar nur durch sein eigenes Sein zur Ruhe. 18.70

Wessen Form reines Flimmern ist, wer nichts Veränderliches

irgendwo erblickt - wo gäbe es eine Anweisung zu rechtem

Handeln für ihn und wo Verlangenslosigkeit, wo Aufgeben

oder auch wo Zur-Ruhe-Kommen? 18.71

Wer in unendlicher Gestalt flimmert und die Urmaterie nicht schaut -

wo ist Bindung für ihn, oder wo Befreiung, wo Freude, oder wo Kleinmut? 18.72

Der Intellekt entfaltet im endlosen Lebensstrome ringsum sich nur

zum Schein. Meinlos, ohne Ich-Tun, wunschlos strahlt der Weise

in Schönheit. 18.73

Für den Heiligen, der sein unvergängliches, von Leidensglut freies

Sein erschaut, wo ist Wissen oder wo auch das Weltall für ihn,

wo Körper, "Ich" oder "mein"? 18.74

Sobald einer mit dumpfem Geist Hemmung des Denkens durch

Yoga und andere solche Werke beendet, kommt er zu Wünschen

und Geschwätz kurze Zeit danach. 18.75

Einer mit dumpfem Geiste löst sich nicht aus seinem Wahnzustand,

selbst wenn er dies hier vernimmt. Äußerlich ist er -

mühsam verkrampft - von Schwanken frei, aber innerlich

lechzt er nach Sinnenfreuden. 18.76

Wem dank Erkenntnis alles Handeln dahinfiel, findet, auch wenn er

in den Augen der Welt Handlungen vollbringt, keine Gelegenheit,

zu handeln - nicht einmal, etwas zu reden. 18.77

Wo ist Dumpfheit, wo Wachheit des Geistes, wo Aufgeben

und wo "Nicht-irgend-etwas" für den wandellosen Weisen,

der immerdar von Fieber frei ist? 18.78

Wo ist Weisheit, wo unterscheidende Einsicht oder wo auch

Freisein von Fieber beim Yogi, dessen Eigenwesen

unaussprechlich ist, der ohne Eigenwesen ist? 18.79

Nicht Himmel und nicht Hölle, noch auch Befreiung zu Lebzeiten -

wozu viele Worte: für den Blick des Yogi gibt es nicht irgend etwas. 18.80

Nicht strebt er nach Gewinn, nicht trauert er in Verlust

- kühl ist des Weisen Geist, gleichsam von göttlichem

Unsterblichkeitstrank erfüllt. 18.81

Der Wunschlose lobpreist nicht einen, der Ruhe fand,

auch tadelt er den Übeltäter nicht. Gleich in Freude und Leid,

erfüllt, sieht er nicht irgend etwas, das zu tun bliebe. 18.82

Der Weise grämt sich nicht über den endlosen Lebensstrom,

er sehnt sich nicht, die Wirklichkeit zu schauen. Von Freude

und von Ungeduld erlöst ist er nicht tot und lebt auch nicht. 18.83

Er hängt nicht an Sohn und Frau und anderen Wesen, ist bei

Sinnendingen von Wünschen frei, sorglos selbst um den eigenen

Körper - Hoffens und Wünschens ledig strahlt der Weise

in Schönheit. 18.84

Immer und überall zufrieden ist der Weise. Er wandelt dahin,

wie es sich trifft. Er handelt, wie es ihn ankommt. Er legt sich schlafen, wo die Sonne sinkt. 18.85

Mag sein Körper hinfallen oder aufsteigen - großen Wesens,

kennt er keine Sorge darum. Er vergaß ja völlig den Fluss

immer neuen Lebens und Sterbens in der Stille, auf der

Ebene seines eigenen Seins. 18.86

Nicht irgend etwas ist er, bewegt sich, wie es ihm gerade

gefällt. Frei von allen Gegensatzpaaren, hat er jeden

Zweifel zerspalten. An irgend welchen Formen des Werdens

hängt er nicht. Entrückt spielt der Weise selig in sich selbst. 18.87

"Mein"-los erstrahlt der Weise. Lehm, Stein und Gold sind für

ihn gleich, wohl durchtrennt ist seines Herzens Knoten.

Wirbelstaub der Leidenschaft und Dunkel der Dumpfheit hat

er rings von sich abgeschüttelt. 18.88

Ihm, der keinem der Dinge Beachtung schenkt, dem kein Hauch

von Früherem im Herzen lebt, dessen Selbst befreit ist, der völlig

erfüllt ward - wer könnte ihm Waage halten? 18.89

Auch erkennend erkennt nicht, auch sehend sieht nicht und auch

sprechend spricht nicht - wer anders, als wer aller Hauche

früherer Leben ledig ist? 18.90

Ob Bettelmönch oder König - wer wunschlos ist, der erstrahlt in

Schönheit, wem erfreuliche und unerfreuliche Meinung von allen

Werdedingen dahinfiel. 18.91

Wo ist Spielraum der Laune, wo Druck und Zwang und wo

unterscheidende Erkenntnis der Wahrheit beim Yogi, der

unverstellte Geradheit ward und ans Ziel gelangt ist? 18.92

Wer Erfüllung erlangt hat durch Ruhen im eigenen Sein, frei von

Wünschen und Hoffnungen, von Leid befreit: was er in seinem

Inneren erfährt, wie sollte er's und wem erzählen? 18.93

Auch schlafend umfängt ihn nicht traumloser Schlaf, auch im

Traume träumt er nicht, auch im Wachen wacht nicht der Weise,

erfüllt auf Schritt und Schritt. 18.94

Der Wissende ist auch in Gedanken gedankenleer, mit Sinnen frei

von Sinnen, auch im Unterscheiden frei von Unterscheiden,

im "Ich"-Tun von "Ich"-Tun frei. 18.95

Nicht Glückes voll, noch auch Leidens voll, nicht verlangenslos,

noch haftend an etwas, nicht Befreiungs-süchtig, noch auch befreit,

nicht irgendwer, noch irgend ein Ding. 18.96

In Verstreuung des Geistes zur Vielheit von Welt und Ich ist er

unverstreut, in innerer Sammlung des Geistes ist er ohne Sammlung.

Auch in Dumpfheit ist er nicht dumpf, der Glückgesegnete, auch in

Wachheit nicht wach. 18.97

Der Erleuchtete steht fest in sich selbst, wo er auch stehe.

Mit Getanem und was noch zu tun bliebe ist er am Ende.

Allem gegenüber gleich, weil er vom Durste frei ist,

denkt er nicht an Ungetanes und Getanes. 18.98

Er freut sich nicht, wird er gelobt. Wird er beschimpft, so

zürnt er nicht. Er zittert nicht im Tode, er grüßt

nicht mit Freuden das Leben. 18.99

Wessen Geist zur Ruhe kam, der läuft nicht in die Menschenmenge,

nicht in die Waldeinsamkeit - wie immer und wo immer er weilt,

steht er, sich selbst gleich, fest in sich selbst. 18.100

Janaka sprach:

Die Beißzange der Erkenntnis der Wirklichkeit holte ich aus

dem Inneren meines Herzens hervor und zog mit ihr die Pfeile

vielfältig gearteten quälenden Grübelns heraus: 19.1

Wo ist Pflichterfüllung, oder auch: wo Sinnesfreuden, wo Wohlstand,

wo unterscheidende Einsicht, wo Zweiheit und wo Zweitlosigkeit -

wenn ich fest in meiner eigenen Größe gegründet bin? 19.2

Wo ist Vergangenes, oder wo, was in Zukunft sein wird, oder auch:

was sich jetzt gerade tut? Wo ist eine Stätte oder etwas Ewiges

- wenn ich fest in meiner eigenen Größe gegründet bin? 19.3

Wo ist das Selbst, und auch: wo ist Nicht-Selbst, wo Heil und

wo Unheil, wo Denken und wo Nichtdenken - wenn ich fest in

meiner eigenen Größe gegründet bin? 19.4

Wo ist Traum oder wo traumloser Schlaf, und auch: wo Wachsein,

wo jener vierte, brahmanhafte Zustand, der dem traumlosem Schlaf

verwandt ist? Wo auch ist Furcht - wenn ich fest in meiner eigenen

Größe gegründet bin? 19.5

Wo ist Ferne, oder wo Nähe, wo Äußeres oder wo auch Inneres,

wo stofflich Grobes, von den äußeren Sinnen erfassbar, wo Feines,

allein in innerer Schau wahrnehmbar - wenn ich fest in meiner

eigenen Größe gegründet bin? 19.6

Wo ist Tod, oder wo Leben, wo höhere Welten, wo die Weltlichkeit

dieser Welt, wo Verschmelzen oder wo Sammlung in eins - wenn ich

fest in meiner eigenen Größe gegründet bin? 19.7

Genug der Rede von der Dreiheit der Ziele: Sinnenfreuden, Wohlstand

und Pflichterfüllung, genug auch der Rede vom Yoga, genug der

Rede von Erkenntnis - wenn ich fest in meiner eigenen Größe

gegründet bin. 19.8

Janaka sprach:

Wo sind vergängliche Wesen oder wo der Körper, wo Kräfte der Sinne

oder wo der denkende Geist, wo ist das Leere und wo Wunsch- und

Hoffenslosigkeit - da meine Eigenform frei von Flecken und von

Schminke ist? 20.1

Wo ist gültige Lehre, wo unterscheidende Erkenntnis des Selbst,

oder wo der Geist, der frei von Gegenständen ist? Wo ist Sättigung,

wo Freisein von Durst - da alle Gegensatzpaare mir für immer

entschwunden sind? 20.2

Wo ist Wissen und wo Nichtwissen, wo das "Ich" und wo Anderes,

wo das "mein", wo ist Bindung, oder auch: wo ist Befreiung,

wo die Form meines eigenen Seins? 20.3

Wo sind Handlungen aus früheren Leben, die als Saat des Schicksals

aufgehen, oder auch: wo lebend Erlöstsein, wo jener körperlose

Zustand völligen Entrücktseins - da ich immerdar frei

von allen Unterschieden bin? 20.4

Wo ist der Handelnde und wo der Wahrnehmende?

Oder wo ist handlungslos flimmerndes Spiel, wo ist

augenfälliges Schicksal, wo Frucht vergangener Handlungen

- da ich immerdar ohne Eigen-Wesen bin? 20.5

Wo ist die Welt, wo ein nach Befreiung Verlangender, wo ein

Yogi, oder wo ein Wissender? Wo ist ein Gebundener, oder

auch: wo ein Befreiter - da ich in meiner eigenen Form

ohne einen Zweiten ruhe? 20.6

Wo ist die Erschaffung der Welt und wo ihre Vernichtung?

Wo ist ein Ziel zu erreichen und wo ein Weg zur Vollendung?

Wo ist ein Vollbringender oder wo ein "Es ist vollbracht"

- da ich in meiner eigenen Form ohne ein Zweites ruhe? 20.7

Wo ist ein Ermessender oder wo ein Maß, wo Ermessbares

und wo Ermessen, wo ein Etwas oder wo ein Nichts

- da ich immerdar fleckenlos rein bin? 20.8

Wo ist Verstreuung zur Vielheit und wo Sammlung in

eine Spitze, wo ist Erwachen aus Dunkel, wo Unwissenheit,

wo ist Freude oder wo Kummer - da ich immerdar frei von

Handeln bin? 20.9

Wo ist überlieferte Wahrheit und wo absolute Erkenntnis?

Wo ist Freude und wo auch Kummer? - da ich immerdar frei

von Bindung bin? 20.10

Wo ist Maya und wo der endlose Strom der Geburten,

wo Neigung oder wo Gleichgültigkeit? Wo ist der

individuelle Lebensfunke und wo jenes alldurchdringende

Brahman - da ich immerdar ohne Flecken bin? 20.11

Wo ist Beginn des Weltspiels oder wo sein Aufhören?

Wo ist Befreiung und wo Bindung - da ich auf höchstem

Gipfel immerdar, ohne Unterteilung und Unterschieden,

in meinem eigenen Sein stehe? 20.12

Wo ist Belehrung oder wo gültige Lehre, wo ein Schüler

oder auch wo ein Lehrer, oder wo die höchsten Ziele

des Menschen - da ich gänzlich ungebunden friedvoll

glückselig bin? 20.13

Und wo ist ein "ist" oder auch: wo ein "ist nicht",

wo ist "eines" und wo ist "zwei"? Genug geredet:

nichts hebt sich mir entgegen. 20.14

OM TAT SAT

Wahrlich: dieses ist DAS.